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Mehr Freaks als Anzugträger

Durchblick im LED-Dschungel

Als vor wenigen Monaten das „Harry Klein“ in München als bester Club der Stadt mit dem Munich Nightlife Award ausgezeichnet
wurde, war selbst Betreiber David Süß überrascht. Seit fast eineinhalb Jahrzehnten drückt er dem Club seinen
Stempel auf. Für disco-magazin hat er seine Geschichte erzählt.

disco-magazin: Das Harry Klein ist vor nun sieben Jahren von der Frieden- in die Sonnenstraße umgezogen. Inwieweit hat sich das Konzept seitdem verändert?
David Süß: Schon 2003, als wir angefangen haben, waren Electro und House unsere Ausrichtung, immer mit der Option, auch Konzerte machen zu können. Inzwischen haben wir eine eigene Hausband, die „Jazzrausch Big Band“, die hier regelmäßig selbstkomponierte Techno-Stücke spielt und vor der…

disco-magazin: Moment, ganz kurz. Eine Big Band? Die mit ganz normalen Instrumenten Electro performt?
David Süß: Ja, ganz genau. Das sind 22 Musiker, die stehen hier mit Schlagzeug, Blasinstrumenten, Gitarre und so weiter vor dem DJ-Pult und machen hier – ja, man kann getrost sagen: Electro-Beats. Und die Leute drehen während dieser zwei Stunden total durch. Die Karten sind auch immer im Vorverkauf schon weg, an der Abendkasse hat man da keine Chance mehr.

disco-magazin: War sicher eine riskante Überlegung, so etwas in einem Club auszuprobieren?
David Süß: In diesem Gewerbe muss man ab und zu auch mal etwas ausprobieren. Die kamen damals auf uns zu, und uns gefiel die Idee. Außerdem hatten sie schon einen eigenen Fanclub, also waren zumindest ein paar Gäste garantiert. Und bereut haben wir es auf keinen Fall. So gegen 21 Uhr legen die dann immer los bis eben 23 Uhr, wenn der Club regulär für alle öffnet.

disco-magazin: Was uns zur eigentlichen Frage zurückbringt, ob sich das Konzept verändert hat?
David Süß: Ach ja, richtig. Also wir sind unserem Electro-Konzept von Anfang an treu geblieben. Das Weggehverhalten hat sich natürlich gewandelt. Im alten „Harry Klein“ außerhalb der Innenstadt waren wir der einzige Club mit dieser Musik. Da war ganz klar: Wer zu uns kam, kam wegen uns. Und nun im Zentrumsbereich bedient man halt auch Laufkundschaft, die für ein paar Drinks vorbeischaut, Touristen und eben die typischen Club-Hopper, die ein paar Locations aufsuchen. Ich denke mal, 2010 bis 2011 herum war so der Zeitpunkt, wo wir festgestellt haben, dass die Verweildauer und der Pro Kopf-Umsatz sinken. Ich schätze mal, dass wir pro Person nur noch ein Drittel einnehmen wie früher. Das liegt aber nicht daran, dass die Gäste weniger trinken, sondern sich ihr Budget eben auf mehrere Bars und Discos verteilt. Dadurch, dass es in München im Grunde keine Sperrzeit mehr gibt, kann man auch den ganzen Abend nur in einer Bar feiern, was früher auch nicht möglich war. Außerdem haben in den letzten Jahren unglaublich viele neue Clubs eröffnet. Da muss man am Ball bleiben.

disco-magazin: Wie viele Leute habt ihr so am Abend?
David Süß: Von der Fläche her passen 276 Leute rein. Mit dem Durchlauf – okay, das hängt vom Wochentag ab, wir haben ja ab Mittwoch geöffnet – aber wir kommen da mindestens auf das Doppelte. Anders hätte man auch keine Chance zu überleben. Wären wir damals nicht von außerhalb in die Stadt gezogen, würde es den Club wohl auch nicht mehr geben. Das Nachtleben findet nun definitiv in München selbst statt und nicht mehr in Bunkern oder Flughäfen außerhalb. Das Beste und das einzig Mögliche, was wir machen konnten, war von der Friedenstraße in die Sonnenstraße zu ziehen.

disco-magazin: Ihr habt es also nicht bereut?
David Süß: Auf keinen Fall. Klar, wir mussten über 800.000 Euro investieren, um in diesen Räumlichkeiten einen auf Federn gelagerten Partyraum zu installieren. Das war finanziell, nervlich und organisatorisch gesehen ein absoluter Höllentrip. Anders wäre die Lärmbelastung für die Anwohner niemals tragbar gewesen. Aber es hat sich gelohnt, um am Puls der Zeit zu bleiben. Die Leute gehen heute viel später weg. Vielleicht orientiert sich die Electro-Szene immer noch zu sehr an Berlin. Berghain, Watergate, das sind so die Clubs, und da braucht man vor 2 Uhr morgens im Grunde gar nicht aufschlagen. Ab null Uhr tröpfeln die langsam rein. Früher gab es auch nicht so viele Alternativen, also wollte man zeitig in der Disco stehen. Und man blieb eben länger als heutzutage. Heute schaust du in deine WhatsApp-Gruppe, wo was los ist, und dann gehst du eben dort hin. Ist ja jetzt alles nah beieinander. Wobei uns das auch zugutekommt. Plötzlich steht wieder eine größere Gruppe um 3 Uhr vor der Tür...

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