Im Interview: sillygirlcarmen

Als Sängerin, DJane und Produzentin verbindet sillygirlcarmen mühelos House, Soul und die reiche Musikgeschichte ihrer Heimatstadt Detroit. Von dort über Paris bis Miami hat sie sich mit energiegeladenen Sets einen Namen gemacht. Im Gespräch erzählt sie vom Erbe ihrer Heimatstadt, von Inklusion in der Clubkultur und ihrem Label Sun & Sound Detroit, auf dem jüngst das erste Release erschien.

disco-magazin: Was hat dich ursprünglich zum DJing und Produzieren gebracht, und wann wurde es für dich ernst?
sillygirlcarmen: Ich habe schon in jungen Jahren mit dem Singen und Auftreten begonnen. Die Idee, DJ zu werden, kam etwas später. Mein Vater sagte wegen meines Musikgeschmacks und meiner Leidenschaft für Musik immer: „Du wärst ein großartiger DJ.“ Ich bin hier in Detroit mit der House-Kultur aufgewachsen und war immer davon und dem Einfluss der DJs inspiriert. 2019 entschied ich mich, das Handwerk wirklich zu lernen und diesen Weg konsequent zu verfolgen. Ich kann gleichzeitig Künstlerin und Performerin sein und all die Liebe und Einflüsse für House einbringen, mit dem ich aufgewachsen bin. Für mich war das vom ersten Tag an ernst. Ich mache nichts halbherzig.

disco-magazin: Du warst schon als Kind von den Musiklegenden Detroits umgeben. Wie fühlt es sich an, heute selbst in den Clubs der Stadt zu spielen oder auf einer Bühne wie beim Movement Festival zu stehen?
sillygirlcarmen: Es fühlt sich bedeutend an und irgendwie vorherbestimmt. Man kann das Erbe sowie den kulturellen und kreativen Einfluss Detroits nicht ignorieren. Es bedeutet mir viel, hier anerkannt zu werden. In Detroit arbeiten wir hart, streben nach Innovation und wollen bei jeder Gelegenheit unser Bestes zeigen. Diese Energie spüre ich in allem, was ich tue, und ich werde von der musikalischen Geschichte beeinflusst, die hier entstanden ist – von Motown Soul bis Techno.

disco-magazin: Detroit Techno hat sich von einer Underground-Bewegung zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Glaubst du, dass dieses Wachstum die Kultur gestärkt hat, oder ist dabei ein Teil des ursprünglichen Underground-Geists verloren gegangen?
sillygirlcarmen: Es hat sich zu etwas völlig anderem entwickelt. Internationaler Techno sieht heute anders aus, fühlt sich anders an und klingt anders, aber das ist nichts Schlechtes. Ich finde es schön zu sehen, welchen Einfluss diese Musik weltweit hat. Gleichzeitig ist es wichtig, dass ihre Wurzeln nicht vergessen werden. Ich habe viele Journalisten, Künstler und Veranstalter kennengelernt, die weiterhin großartige Arbeit leisten, indem sie die Entstehungsgeschichte erzählen und die neue Generation darüber informieren. Aus meiner Sicht ist das internationale Wachstum etwas Positives. Es gibt uns allen mehr, woran wir wachsen und über das wir reflektieren können.

disco-magazin: Du hast oft über Inklusion und Raum für unterschiedliche Stimmen in der Musikszene gesprochen. Was muss sich deiner Meinung nach in der Clubkultur noch verändern?
sillygirlcarmen: Die Clubkultur und auch die Veranstaltungsbranche können manchmal ziemlich „cliquenhaft“ sein. Viele sprechen von Gemeinschaft, betreiben aber gleichzeitig Gatekeeping. Ich bewundere Veranstalter und Locations, die kein Problem damit haben, neuen Künstlern eine Chance zu geben oder ein Risiko einzugehen, statt immer wieder dieselben populären Leute zu buchen. Wenn jemand erkennt, was ich zu bieten habe, und mir eine Chance gibt, bedeutet mir das unglaublich viel. Jeder neue Künstler braucht jemanden, der bereit ist, diesen ersten Blick, dieses erste Zuhören und diese erste Chance zu geben. Sonst könnte sich die Kultur niemals weiterentwickeln.

disco-magazin: Glaubst du, dass die Club- und Festivalszene in den letzten Jahren inklusiver für weibliche DJs und Produzentinnen geworden ist?
sillygirlcarmen: Definitiv. Ich denke, diese Diskussion hat in den vergangenen drei Jahren einen großen Einfluss auf die Branche gehabt. Es gibt zwar noch immer einige Veranstalter, die etwas unsensibel agieren und Festivals oder Partys fast ausschließlich mit männlichen Acts besetzen, aber insgesamt spüren wir heute deutlich mehr weibliche Präsenz in der Szene. Es freut mich zu sehen, wie sich dieser Einfluss in allen Bereichen der Branche widerspiegelt. Es gibt starke Frauen, die in Journalismus, Management, PR, Produktion und Veranstaltungsorganisation wichtige Impulse setzen.

disco-magazin: Neben deiner Arbeit als DJane hast du auch dein eigenes Label Sun & Sound gegründet. Was hat dich dazu bewegt?
sillygirlcarmen: Ich brauchte ganz spontan ein Zuhause für eine Veröffentlichung und habe mich deshalb kopfüber in die Gründung meines eigenen Labels gestürzt. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse, aber es war eine unglaublich bereichernde und spannende neue Erfahrung.

disco-magazin: Die Debüt-Vinylveröffentlichung „Ease“ ist gerade erschienen und vereint ein starkes Line-up mit Künstlern wie Glenn Underground, Jon Dixon, Coflo und Kevin Reynolds neben dir selbst. Spiegeln diese Künstler die Richtung wider, in die sich das Label künftig entwickeln soll?
sillygirlcarmen: Diese Künstler geben definitiv den Ton dafür an, worum es bei Sun & Sound geht. Für mich steht das Label für sehr gefühlvolle und hochwertige Kunst. Ich freue mich darauf zu sehen, wie es wächst und zu einem Zuhause für unterschiedlichste kreative Kooperationen wird. Dennoch glaube ich, dass eine Seele und ein gutes Gefühl immer die Grundlage bleiben werden.

disco-magazin: Auf „Never forget (that feeling)“ hast du die Vocals beigesteuert. Auf welche andere Weise hast du den Track geprägt oder beeinflusst?
sillygirlcarmen: Mit Coflo zu arbeiten ist wirklich etwas Besonderes. Ich habe mich unglaublich gefreut, als er mir diese Idee vorgestellt hat, weil sie sofort bei mir Anklang fand. Bei diesem Stück lag der Schwerpunkt der Produktion zwar bei ihm, aber Coflo erzählte mir, dass er den kreativen Prozess von Anfang an mit mir im Kopf begonnen hatte, weil sich der Song wie eine Fortsetzung meiner vorherigen Veröffentlichung
„Heartbreak Summer“ anfühlte.

Text: Klaus Niester

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