Nach Boom und Einbruch: Gin ist tot – lang lebe der Gin
Nach einem großen, jahrelangen Hype um Gin herrscht Katerstimmung. Der Absatz ist eingebrochen. Am Ende ist die Wacholderspirituose aber keinesfalls.
Was waren das nur für Jahre für die Spirituose Gin? Gut zehn Jahre lang war die ursprünglich aus England stammende Wacholderspirituose in aller Munde und so heiß begehrt, dass nicht nur Neuerscheinungen aus aller Welt an der Tagesordnung waren, sondern auch die ungewöhnlichsten Ideen und die teuersten Abfüllungen ihre Käufer fanden.

So entsteht das kostbare Liquid: Brennblase in der Altonaer Spirituosen Manufaktur, die Gin Sul herstellt.

Viele Spirituosen mussten in den letzten Jahren aufgrund der angezogenen Inflation und des beeinträchtigten Konsumverhaltens Federn lassen. Doch speziell Gin verzeichnete infolge einer Dekade absoluten Hypes einen regelrechten Einbruch, der von einigen Branchenkennern jedoch lange erwartet wurde. Ein übersättigter Markt mit zu vielen Eintagsfliegen und halbgaren Konzepten, so der allgemeine Tenor. Die letzten Zahlen des Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI) besagen für 2024 einen Absatz von 11,5 Mio. Flaschen Gin im Handel mit einem Umsatz von 145 Mio. Euro. Im Vergleich zum Vorjahr liegt das Minus bei 12,9 respektive 14,3 Prozent. Die gesamte Weltbevölkerung, so Schätzungen, soll 2024 rund 0,86 Milliarden Liter Gin erworben haben. Gegenüber 0,8 Mrd. Liter im Vorjahr also ein sattes Wachstum. Experten gehen global von einem Plus von fünf bis sieben Prozent jährlich aus.

Kein Kollaps, aber eine Bereinigung

Wirklich kollabiert ist der Markt hierzulande aber nicht. Zwar haben sich kleinere Marken stillschweigend aufgelöst, und der ein oder andere Mittelständler ist ins Trudeln geraten, entscheidende Akteure im Gin-Segment halten sich aber wacker. Weiter unter den „Lebenden“ ist etwa Gin Mare, der Anfang der Zehnerjahre die Revolution im Gin-Segment mitprägte. Vom Fernweh der Deutschen und der Lust auf die Genüsse des Mittelmeerraums haben später auch noch andere Marken wie Malfy Gin, Nordés Gin oder Gin Gold profitieren können. Hier will sich jetzt auch der von den Kanaren stammende Macaronesian Gin profilieren.

Für eine deutsche Gin-Szene gilt klar der Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin als Wegbereiter. Die von Gründer Alexander Stein und Destillateur Christoph Keller gelaunchte Komposition traf damals auf großes Interesse – auch trotz des zu dem Zeitpunkt ungewöhnlich hohen Kostenpunkts. Mit etwas Abstand folgten weitere deutsche Newcomer wie Gin Sul, Knut Hansen und Windspiel. Von Experten müde belächelt, aber doch sehr erfolgreich waren zwischenzeitlich die Gins, die allein einer Stadt gewidmet waren. Zumeist steckten dahinter Gruppen von Studenten oder Agenturen. Heute sind diese Marken, sollten sie noch existieren, nur noch eine Randnotiz – Ausnahmen bestätigen die Regel.

„Like Gin in the sunshine“ – oder wie hieß der Song noch: Rheinland Distillers launcht saisongerecht den Siegfried Summer Gin

Von London Dry Gin zu Flavoured Gin

Als der „Single Malt unter den Gins“ gilt die Kategorie der London (Dry) Gins, für die alle Botanicals zusammen destilliert werden müssen. Außerdem ist eine spätere Aromatisierung ausgeschlossen. Geschichtsträchtige und auch noch heute fortbestehende Vertreter dieser Kategorie sind beispielsweise der Tanqueray London Dry Gin und der Beefeater London Dry Gin. Auch außerhalb Großbritanniens haben sich Hersteller für dieses Verfahren entschieden, wenn auch Gefahr laufend, in der englischen Hauptstadt verortet zu werden.

Bereits im Jahr 2000 wählte man bei William Grant & Sons mit dem Hendrick‘s Gin einen anderen Weg. Es handelt sich nämlich um einen Distilled Gin, bei dem die Botanicals nicht nur nicht zusammen verarbeitet, sondern nicht einmal alle destilliert werden. Im Nachgang an die Destillationen auf zweierlei Brennblasen erfolgt nämlich noch die Anreicherung mit Essenzen von Rosenblättern und Gurke. Speziell die Gurke entwickelte sich zum Markenzeichen, auch heute noch sind Gurkenscheiben als Garnitur für einen Gin & Tonic über den Hendrick‘s Gin hinaus beliebt.

Während viele Marken vor einiger Zeit aufhörten, wechselnde Limited-Editions – oft als Distiller‘s Cut bezeichnet – zu veröffentlichen, ist die Serie bei Hendrick‘s Gins ungebrochen. Dieses Frühjahr und gänzlich gegen den Trend überraschte man sogar mit einer permanenten Sortimentserweiterung in Form des neuen Another Hendrick‘s Gins, welcher eine komplett andere Seite der Marke zeigen soll. Nichtsdestotrotz steckt dahinter im Wesentlichen das Erfolgsrezept des Originals, allerdings zusätzlich ergänzt um Essenzen von Orangenblüten und Kakao.

Vergleichsweise jung ist die Kategorie der Flavoured Gins. Diese basieren in der Regel auf eher klassischen Distilled Gins, die allerdings noch großzügig mit intensiven Frucht- oder Gewürz-
auszügen respektive mitunter mit natürlichen Aromen angereichert werden. Populärere Vertreter dieser Kategorie sind der Bombay Citron Pressé und der Tanqueray Blackcurrant Royale.

Hommage an die Teekultur Japans: Bei der neuen Roku Gin Noryo Tea Edition wurde der Teegehalt erhöht

Noch nicht aller Tage Abend

Neuerscheinungen sind, wie man sieht, aktuell eher die Ausnahme. Doch hin und wieder tut sich noch etwas, wie zuletzt im Fall der Roku Gin Noryo Tea Edition, welche das japanische The House of Suntory im Rahmen seiner Seasonal Festival Collection gelauncht hat. Als Hommage an die Teekultur Japans wurde im Vergleich zum Original der Gehalt an Sencha- und Gyokuro-Tee erhöht.

Ganz neu haben auch die Rheinland Distillers mit dem Siegfried Summer Gin eine Flavoured-Variante ihres Siegfried Rheinland Dry Gins aufgelegt. Durch die Aromatisierung mit Orange, Mango und Vanille sei das limitierte Seasonal besonders leicht zugänglich. Die Verfügbarkeit beschränkt sich allerdings auf den Online-Shop von Siegfried Gin und die Bordrestaurants der Deutschen Bahn.

Gin Gin statt Cin cin: Weltweit legt der Gin-Konsum zu – in Deutschland geht er zweistellig zurück.

Text: Klaus Niester

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